Jöst

Jost, born in Germany

Lives in Vienna: more than 5 years

Once I discovered the Bergheuringer Langer I immediately liked it because of its nostalgic charm, the great view and certainly because of the nice family Langer. Quite often, I went with our dog for a walk at the Bisamberg on Fridays after work, and the visit at the Langer Heurigen marked the beginning of the weekend. I avoid the days when it is crowded; and I love the days when there is hardly anyone there. It is a perfect place to think or just to be!

Jost also wrote a narrative “how he discovered” this place ; ) this is for those who knows German.

Der Geograf, der Künstler und dem seine Frau ihr Problem

Zwei Brüder, unterschiedlich wie sie sein können, waren meine Freunde.

Der eine häuslich, regional, den anderen zog es hinaus und das Studium der Geografie brachte ihn schließlich nach Wien. Hier kartierte er im Rahmen seiner Diplomarbeit die Stadt und als neugieriger Mensch und Entdecker erkundete er versteckte Winkel auf der Suche nach dem authentischen Wien, den besonderen Orten. Der andere studierte Malerei, hat die Welt in seinem Kopf, brauchte keine Motivreisen in die Toskana. An einem dieser besonderen Wiener Orte zu sitzen, ihn zu erleben, das konnte ihn inspirieren.

Als Jugendliche waren sie Geschwister, als Studenten voneinander getrennt. Es gab mittlerweile mehr Bänder, die sie trennten als verband. Und gemeinsame Treffen konnten diese Entfernung voneinander zeigen. Die besonderen Orte Wiens hatten jedoch etwas Verbindendes.

Wien! Als ich vor 14 Jahren nach Wien kam, war ich nicht das erste Mal in Wien. Sechs Jahre zuvor verbrachte ich eine goldene Oktoberwoche in Wien. Ich wohnte zu der Zeit mit dem Künstler zusammen und hatte mich mit meiner Freundin eine Woche beim Geograf einquartiert. Während sie touristisch Highlights abarbeiten wollte, zog es mich eher zu Plätzen, die auf Seiten wie diesen beschrieben werden. So ist das kleine Café am Franziskanerplatz für mich größer als Schloss Schönbrunn. Die Speisung am Würstelstand nachts um 2:30 hochrangiger als die beim Plachuta. Und der Barmann in der Steinzeit mit den schwarzen, langen, glatten Haaren präsenter als Conchita! Ich sagte ihr mehrfach, dass wir bestimmt nochmals die Chance bekommen werden, Wien zu besuchen. Wir würden dann beim Tafelspitz über die Schönheit von Schönbrunn parlieren und am späteren Abend einem unrasierten Homosexuellen beim Singen zusehen.

Mir war das echte Wien wichtiger! Welches Glück, dass wir bei dem Geografen zu Besuch waren und er all diese Plätze zu seinem Eigen gemacht hatte. Das Institut, an dem er arbeitet, lag zwischen dem Café Engländer und „Beim Czaak“ (!)Von dort ging es oft los, in die verschiedensten Ecken von Wien. Und überall traf er genau ins Schwarze; immer gab es ein besonderes Schmankerl, einen Schmähbruder, irgendein Highlight. So verbrachten wir den kältesten Abend unseres Urlaubs im Happel Stadion und froren uns die Ärsche ab, während sich unten die österreichische mit der irischen (oder war es gar die nordirische??) Nationalmannschaft um einen EM Qualifikationsplatz beutelte (oder war es gar WM??). Ich war wahrlich kein Fan der österreichischen Mannschaft, aber ich war ein Polster-Fan. Und genau er schoss das Tor!

Danach ging es zum Würstelstand, zum Krainer und Bier. Oft standen wir beim Würstelstand, meistens beim Leo und meistens nach 2:00 (die Nachschicht bediente ein Mädel, die der Geograf mehr als gut fand). Der Krainer löst den Mund und der Geograf sprach viel von Wien, viel über früher und viel von seinem Bruder, dem Künstler. Sein Bruder hat ihn bereits mehrfach besucht. Er mochte Wien, nicht als Bruder, auch nicht als Künstler, sondern als er selber. Und trotz der Unterschiedlichkeit mochte er auch seinen Bruder, den Geograf. Neben der brüderlichen Unterschiedlichkeit vereinte sie der Wille, solche vom Geograf entdeckte Plätze gemeinsam zu zelebrieren. Viele der Lokalitäten hatte er bereits des Öfteren mit seinem Bruder durchlebt und durchzecht. Der Geograf erzählte von solchen Geschichten. Geschichten, die bleiben werden, meistens mit „weißt du noch“ beginnen und mit einem Lächeln erzählt werden, das einen jünger machen soll.

So eine Geschichte erzählte uns der Geograf auch am wärmsten Tag unseres Urlaubes. Wir hatten die Wohnung des Geografens mit der Tram in nordwestliche Richtung verlassen. Das Häuserl am Roan oder Stoan markierte den Beginn unseres goldenen Herbstsparzierganges, nun saßen wir beim Bier und Gulasch auf dem Leopolds- und schauten auf den Bisamberg. Da wusste der Geograf zu berichten, dass er einst zur heißen Sommerzeit mit dem Künstler in einer S-Bahn saß, die man gemeinsam in Langenzersdorf verließ, um die Westseite des Bisamberges zu besteigen. Der Künstler hatte seine Freundin dabei, die ebenfalls – jedoch in Sommerschlapfen – in Langenzersdorf der S-Bahn entstieg. Die Sommerschlapfen waren der Grund, dass man sich beim beschwerlichen Aufstieg mehrfach darüber unterhielt, dass weder das erhöhte Maß an Reliefenergie der Westseite des Bisamberges, noch die Morphologie des Untergrundes als solches Bestand der Planungsgespäche am Frühstückstisch waren. Der Geograf war sich nicht mehr sicher, ob man diskutierend oder schon nicht mehr diskutierend das Ziel erreichte: den urigen Bergheurigen Langer. Sicher war er sich hingegen wieder, dass dort oben die Sommerschlapfen keine Problem mehr waren, sondern dass man vielmehr gemeinsam einige unbeschwerte Stunden in dem einmaligen Gastgarten verbrachte, bis die nicht mehr rekonstruierbare Zahl der Achtel die Freundin des Künstlers außer Gefecht setzten. Der Künstler, zusammen mit dem Geograf, stütze brüderlich die Freundin auf die vorm Langer liegende Wiese. War für einige Stunden das Problem von den Schlapfen in den Kopf gestiegen, so wurde dem Künstler als auch dem Geograf bald klar, dass mit Beginn des Abstieges sich das primäre Problem wiederholen würde. Dem Künstler seine Freundin ihr Problem ging nun von Kopf bis Fuß und wurde erneut brüderlich teilend, tragend von der Spitze des Bisamberges zur S-Bahn Station Langenzersdorf erniedrigt.

Wir lachten ausgiebig über die Geschichte und schauten dabei versonnen auf den Bisamberg hinüber. Der Urlaub ging seinem Ende zu und ich war traurig, dass keine Zeit verbleiben würde, die Magie des Bergheurigen Langer zu erleben. Wahrscheinlich würde ich sie niemals erleben – dachte ich… Wir stiegen dann hinab zum Kahlenbergdorf, wo wir uns der Massen einen hinter die Binde gossen, das wir zunächst unsere Begleitung zu Hause ablegen mussten, bevor wir uns wieder des Nächtens beim Leo zum obligatorischen Fluchtliter & Krainer einfanden. Am nächsten Tag war mein Organismus mit diversen internen Reparaturen beschäftigt und die Geschichte von dem Geograf, dem Künstler und dem sein Frau ihr Problem verschwand für Jahre in den Untiefen eines unsortierten Geistes.

Sechs Jahre später erfüllte sich meine Prophezeiung und wir übersiedelten nach Wien Floridsdorf. So komisch es zunächst klingen mag, ein Grund war die Nähe zur Natur. In der Woche lag die Donauinsel vor der Tür und am Wochenende ging es mit dem Hund zu jeder Jahreszeit auf den Bisamberg. Besonders beliebt waren jedoch die Monate, in denen der Bergheurige Langer auf hatte. Oft leitete ich das Wochenende mit einem großen Hundesparziergang ein, der dann beim Langer endete. Der Langer liegt oberhalb von Langenzersdorf, gehört aber zu Wien, auf das man vom Langer einen wunderbaren Blick hat! Ich saß oft da, blickte auf Wien und sinnierte über dies und das. Es kam mir eine lange Zeit nicht in den Sinn, dass genau an dieser Stelle eine nicht mehr zu rekonstruierende Zahl von Achteln, ein paar Sommerschlapfen und die Reliefenergie des Bisamberger Westhanges den Plot für eine mir eigentlich bekannte Geschichte gestrickt hatten. Jahre später traf ich den Geograf oder Künstler und er erzählte die Geschichte erneut. Eine von diesen Geschichten, die bleiben wird, meistens mit „weißt du noch“ beginnt und mit einem Lächeln erzählt wird, das uns jünger macht!

Seit 14 Jahren gehen wir nun zum Langer, mittlerweile rennen unsere Kinder über die Wiese vorm Langer, während wir im Gastgarten sitzen, eine Liptauerbrot mit milden Peperoni essen und in einem Jahr den weißen, im anderen Jahr den Rose oder roten Wein trinken. In den Anfangsjahren halfen oft die kleinen Langer-Kinder aus, leerten Aschenbecher oder sammelten leeres Geschirr ein. Und vor nicht allzu langer Zeit wurde es mir zuteil, dass einer der Langer Kinder mittlerweile in meiner Stammkneipe jobbt. Bei dieser Kneipe handelt es sich um den „besondersten“ Ort überhaupt! Aber zum einen befindet er sich bereits in Niederösterreich und zum anderen ist das eine ganz eigene Geschichte…

Jost R. Püttmann

2014